Die Runen der Schöpfung
von Sara Annon


Foto Annette Frederking

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Während eines Besuches in Norddeutschland hatte ich eine interessante Begegnung mit den Runen. Sie kamen während einer Serie von visionären Erfahrungen zu mir und teilten mir mit, dass sie als Schöpfungskräfte verstanden zu werden wünschten und dass die wohlbekannten Geschichten von Krieg und Zerstörung bestenfalls unvollständig seien. Ein kraftvoller Hinweis darauf, dass ich die Runen richtig verstand, ergab sich, als ich die Externsteine, die auch in Norddeutschland liegen, besuchte und dort die Runeninschrift sah.

Diese Inschrift befindet sich am Kopf der Felsformation. Kammern sind aus dem Fels herausgehauen und am Fuß, in dessen Nähe ein Bach fließt, ist ein Platz, wo man sich hinlegen kann. Normalerweise sind die Kammern der Öffentlichkeit nicht zugänglich, aber ich hatte das große Glück, eine Frau als Führerin zu haben, die mit einer kleinen Gruppe die Erlaubnis erhalten hatte, sich während eines Gewitters in den Kammern unterzustellen. Um sich die Zeit zu vertreiben, bis sich das Gewitter verzogen hatte, sangen sie. Hinterher fanden sie heraus, dass die Felsformation als Klangraum funktioniert hatte, der ihre Stimmen verstärkt hatte, so dass sie durch das Tal widerhallten und klangen, als seien sie ein großer Chor.
 

Die Runen der Externsteine
Von oben nach unten zu lesen
 

   

 

 

 

 

 

 

 

Erste Reihe                 
Schweig stille
Im Regen 
Ist der Funke           

Zweite Reihe

Der Melodie
Des Rhythmus'
Deiner Gebete   
Dritte Reihe

Aus unbegrenzten Möglichkeiten
Manifestieren sich deine
Innersten Bedürfnisse in die Form

Vierte Reihe    

Lass deine  Inspiration 
Wie Donner los

Fünfte Reihe     

Die Geburt           Deiner Gebete
In den Himmeln    

Sechste Reihe                            

Schlägt auf der Erde Wurzeln
Wo dein Schicksal
Erfüllt wird

 

Mit der Zeit fand ich die mythologischen Geschichten hinter den Runeninschriften. Obwohl irische Texte die Hauptquelle sind, betonen die Texte, dass die Praktiken, die behandelt werden, von außerhalb Irlands kamen, und die englische Version besagt, dass Horsa und Haga die Runen aus Norddeutschland mitbrachten. So teile ich nun diese Gabe der Schöpferkraft der Runen mit allen, die sie studieren möchten. Die Runeninschrift auf den Externsteinen kann wie folgt als Anweisung für die Anwendung von imbas forosnai gelesen werden:

 Imbas Forosnai

Der erste Harfenspieler wird Uiathne oder der Grüne Mann genannt. Weil seine Harfe durch beide Schöpfungskräfte, die Kräfte der Kälte und Dunkelheit in der Nebelwelt und die Kräfte von Licht und Wärme in der Feuerwelt, gesegnet ist, spielt sie Lieder des Sommers und bringt damit neues Leben hervor und sie spielt Lieder des Winters und ruft jene, deren Zeit gekommen ist, zurück in das Reich des Geistes (spirit).

Der Grüne Mann heiratet Boann, die Weiße Kuh, die ihm drei musikalische Söhne gebiert. Goltrai spielt Lieder des Kummers und Geantrai spielt Lieder der Freude, aber Suantrai spielt Lieder, die einen einschlafen lassen und damit, durch den magischen Eingang, in die Welt der Siddhe bringen.

Diejenigen, die von Suantrai gesegnet werden, empfangen drei Gaben. Die erste ist imbas forosnai oder Wissen, das erleuchtet. Die zweite ist teinm laida oder der Gesang, der erleuchtet. Die dritte Gabe ist dichetal do chennaib, die Fähigkeit ein Lied oder einen Gesang zu improvisieren, der die Geschichte erzählt, die durch imbas forosnai empfangen wurde.                                 

Erste Reihe
Schweig stille
Im Regen
Ist der Funke

Die erste Reihe der Runen an den Externsteinen spricht die Anwendung / Praxis von imbas forosnai an, die erfordert, dass der Suchende sowohl innerlich still als auch körperlich ruhig zu sein hat, um empfangsbereit für das Wissen zu sein, das er zu empfangen wünscht. Dieses Wissen kommt aus dem Reich der Siddhe oder Geister (spirits); es kommt an als Wolke und überhäuft den Suchenden mit vielen, vielen Informationen. Der Funke der Erleuchtung, der dem Suchenden sagt, dass er auf dem richtigen Wege ist, kann ganz wörtlich als Stechen in den Daumen gefühlt werden.

Zweite Reihe
Der Melodie
Des Rhythmus
Deiner Gebete

Die zweite Reihe spricht das Empfangen des teinm laida an, des Charakters des Liedes, das den Weg erhellt, indem es den Wind in den Segeln hervorruft und die Wege öffnet.

Dritte Reihe
Aus unbegrenzten Möglichkeiten
Manifestieren sich deine
Innersten Bedürfnisse in die Form

Die dritte Reihe erinnert den Suchenden an die Klarheit seiner Absichten und daran, dass das Wissen, das er empfangen hat, mit seinen innersten Bedürfnissen und seinem Schicksal / Ziel übereinstimmt.

Vierte Reihe
Lass deine
Inspiration
Wie Donner los

Die vierte Reihe richtet sich an dichetal do chennaib, die Kunst, die Worte so zu improvisieren, dass sie zu Melodie und Takt passen. Sie lehrt uns, dies Wissen mit ganzem Herzen auszudrücken und mit voller Stimme die Geschichte des empfangenen Wissens so zu erzählen, dass all die, die sie hören, ebenso erleuchtet werden.

 Fünfte Reihe
Die Geburt
Deiner Gebete
Im Himmel

Die fünfte Reihe erklärt, wie das Skandieren / Singen (chanting) deiner Gebete auf hohen Plätzen, auf Berggipfeln, einen Samen von Möglichkeiten legt.

Sechste Reihe
Schlägt auf der Erde Wurzeln
Wo dein Schicksal
Erfüllt wird

Und die sechste Reihe versichert uns, dass unsere Gebete sich dann manifestieren werden.
 

 Die Schöpfungsgeschichte der Runen

Lexigraphie oder die Verbindung / Beziehung spezifischer Symbole mit spezifischen Redeteilen ist eine recht neue Entwicklung für die Runen. Sie begann vor ungefähr tausend Jahren, als das Römische Reich und das Christentum sich im Norden Europas ausbreiteten und die eingeborenen Völker und Traditionen zu unterdrücken begannen. Die Ursprünge der Runen sind viel älter und geheimnisvoller, denn sie begannen als eine Form von Semasiologie. (Anm. d. Ü.: Das ist ein Zweig der Sprachwissenschaft, der sich mit der Bedeutung von Zeichen beschäftigt.)  Dies bedeutet, dass, wie bei Petroglyphen und mathematischen Notierungen, durch Runensymbole viele Informationen übermittelt werden, die nicht auf die Konventionen unserer normalen Vorstellung eines Alphabets beschränkt sind. Das Bemühen sie zu verstehen erfordert, dass man sich dem historischen Kontext wie auch der Mythologie der Runen öffnet.

Die Ältere Edda ist eine Sammlung von Gedichten in Altnorwegisch, die aus der Zeit vor 1200 n.Chr. datieren. Das erste Gedicht heißt „Völuspá“ oder „Die Prophezeiung der Seherin“. Es beinhaltet die Kosmologie oder Schöpfungsgeschichte der Runen, die uns erzählt, dass Gunnungagap existierte, bevor die Zeit begann. Das Wort „Gunnungagap“ lässt sich übersetzen als „magisch aufgeladenes Feld von Möglichkeiten“. Dieses entwickelt zwei Pole. Der eine ist die Nebelwelt oder Niflheim, die Quelle der Myrkrunar oder dunklen Runen. Der andere ist die Feuerwelt oder Muspelheim, die Quelle der Heidrunar oder hellen Runen.

Wenn diese beiden ursprünglichen Kräfte miteinander in und um das ruhige und sanfte Feld, das Auge des Hurrikans, das zwischen den beiden Polen gehalten wird, agieren, weben sie die Muster der Schöpfung, die mit der Zeit in einem organischen Prozess die Neun Welten des Weltenbaums errichten. Das sich selbst organisierende Prinzip kommt ins Spiel, wenn fünf Kriterien erfüllt werden. Erstens müssen wir das Feld, innerhalb dessen wir agieren, definieren. Zweitens müssen wir die Informationen, die in diesem Feld enthalten sind, definieren. Dann benötigen wir sowohl genügend Energie als auch genügend Fluss oder Veränderung, um diese Informationen innerhalb unseres Feldes in Gang zu bringen. Als letztes brauchen wir ausreichend nicht-lineare Beziehungen zwischen allen einzelnen Informationen, um jedem einzelnen Element Bewegungsfreiheit zu ermöglichen.

 Odin, Ville und Ve

Im Schöpfungsprozess, während der Ausübung des sich selbst organisierenden Prinzips, manifestiert sich das vollständige Muster der Runen. Sobald sie sich manifestiert haben, hängt sich Odin (Inspiration) selbst mit dem Kopf nach unten am Weltenbaum auf, um die Runenformen zu ergreifen und sie in die Neun Welten zu bringen. Sobald er das getan hat, stehen die Runen denen, die sie zu ergründen suchen, zur Verfügung.

Diejenigen, die die Runen kennen, sind dann in der Lage, ihre eigene persönliche Version von Gunnangagap, einem magisch aufgeladenen Feld von Möglichkeiten, zu erschaffen und zu halten, indem sie ihre Willenskraft (Ville) ausüben . Innerhalb dieses magischen Raums können Heilung, Transformation und Manifestation dadurch ermöglicht werden, dass man sich auf seine Absichten fokussiert (Ve).

Der Text von Sara Annon ist länger, aber sie hat nur diesen ersten Teil zur Übersetzung freigegeben. Ihre Homepage

Übersetzung Sabine Erdmann, Paderborn  7.10.2009

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